BLOG EINTRAG #30 – USA (Part3)

Gut sieben Wochen habe ich nichts von mir hören lassen, das grenzt an eine Frechheit, für die ich mich außerordentlich nicht entschuldigen möchte. Scheinbar hatten wir eine gute Zeit. Oder ich war einfach zu faul. Das passiert schon mal. Passiert ist sowieso einiges, also mal raus mit der Sprache.

In San Fran „hakten“ wir die Sachen, die man eben so machen muss mehr oder weniger ab (Lombard Street, Cabel Cars, Golden Gate Bridge, China Town, Alcatraz) und verschafften uns anschließend, wie angekündigt, Zugang zum Facebook Campus. Daniel, aus meiner Heimatstadt Gelnhausen, arbeitet tatsächlich für Facebook und konnte uns reinschleusen. Das System ist hier relativ simpel: es wird alles dafür getan, glückliche (->motivierte) Angestellte zu haben, die anstatt nach Hause zu gehen, lieber hier bleiben und arbeiten, weil es hier alles gibt was man braucht und auch nicht braucht. Musikzimmer, Fahrradwerkstatt, Kühlschränke mit den besten Drinks und Snacks, Spielhalle, Caffees, diverse Imbisse, undundund. Selbst die Sonne hat gescheint. Das ganze natürlich kostenlos. Glücklicherweise auch für Gäste, also schlugen Robert und ich uns die Mägen ordentlich voll. Tolle Menukarte, die Mark Zuckerberg da zusammengestellt hat. #markymark #foodie
Dann mussten wir jedoch eine Entscheidung treffen, wie es weiter gehen soll. Das fällt mir alleine schon ab und zu nicht leicht, aber zu zweit ist es wahrlich ätzend. Für mich und auch für Robert.  Glücklicherweise zeigte ich im Daumenringen mehr Ausdauer und die Entscheidung fiel auf L.A.. Auf dem Weg dorthin gerieten wir in ein Radrennen / Charity Ride. 1000$ Startgebühr. Um diesen Schnöseln mit ihren teuren Roadbikes und Fahrradtrikots zu zeigen, wo der Hammer hängt, zogen wir, mit unseren 50 Kilo Touringbikes am Berg an. Als kleine Dreistigkeit angedacht, stellte sich heraus, dass wir ernsthaft mithalten konnten, einige sogar hinter uns ließen. Alle 25 Kilometer kamen Verpflegungsstops hinzu mit diversen hochklassigen Powerdrinks, Powerbars und Vitaminen. So ist Radfahren wahrlich einfach. 120km bei fast 1700 Höhenmetern in nur 5:20h mit schwerbeladenen Touringbikes – völligst irre!!!
Küste ist zwar im Prinzip schön, doch nach fast 2000km wird sie auch irgendwann langweilig, deshalb waren wir froh in Los Angeles angekommen zu sein. Hier sind die schönen und reichen zu Hause. Zu 50% konnten wir da mithalten, reich waren wir jedoch nicht. Santa Monica Pier, Venice Beach, Walk Of Fame, Hollywood Sign, das was man eben so machen muss. Die wahren Highlights lagen jedoch woanders. Z.b. zeigte ich meinem „Delicious Vinyl“-Hoodie, den ich seit Beginn der Tour dabei habe, wo seine Geburtsstätte ist, traf eine alte Bekannte wieder und als Highlight waren wir Teil des C.R.A.N.K.-Mobs, einer Herde von 500 wildgewordenen Radfahrern, teilweise als Rave-Grannies verkleidet, die nachts blinkend und lärmend durch die Straßen L.A.‘s fuhren. Einfach so, aus Spaß.
Die Strecke zwischen L.A. und Las Vegas ist 100% langweilig. Glücklicherweise hatten wir während dem Radrennen Bill kennengelernt, der mit seinem riesigen Van nach Vegas musste und uns mitnehmen konnte. Um zu ihm zu gelangen, mussten wir quer durch L.A. und wählten die Strecke durch Compton, um etwas Ghettoluft zu schnuppern. Doch entgegen aller Gerüchte, kann man sich auch hier sicher fortbewegen. Zumindest tagsüber. 
Innerhalb weniger Stunden hatten wir die Grenze zu Nevada passiert und waren in Las Vegas. Dieser Ort ist ähnlich bizarr wie Dubai, aber eigentlich deutlich bizarrer. Auch wenn Glücksspiel und Spielsucht einen schlechten Ruf hat bzw. schlecht ist, weil Leute ihr Erspartes verlieren, ist die Akzeptanz der Touristen, hier ihr Geld zu verbrennen, extrem hoch. Von vorne herein wird eingeplant, dass es nicht schlimm ist, wenn man ein paar hundert Dollar verliert. Fragwürdig. Unser Host Sheldon, zeigte uns die Vorzüge Vegas‘. Die ganzen Lockangebote wie All-You-Can-Eat für 3$, 1$-Cocktails oder kostenlose Shows mit 5 barbusigen Frauen nahmen wir dankend an. Dann setzte ich mich doch an die Slotmachine, um das echte Las Vegas Feeling zu bekommen. Es war unfassbar langweilig. Da die Teile keine echten Räder mehr haben, sondern es sich nur um einen Bildschirm handelt, den man nicht beeinflussen kann, hat man weder eine Chance, noch Spaß, da ein programmierter Computer dahinter steckt. Nachdem ich satte 4$ verzockt und dabei 1,75$ gewonnen hatte, war Schluss für mich. Um ehrlich zu sein, bin ich ziemlich stolz, mit nur 2,25$ Miese aus der Sache rausgekommen zu sein. Robert erwischte es schlimmer, aber er möchte darüber nicht reden. Bis heute verfolgen ihn Alpträume und beim Camping hörte ich oftmals, wie es „All-In“ aus seinem Zelt wimmerte. Immerhin hatte uns Bill Tickets für die Interbike, einer Internationalen Fahrradmesse, hinterlassen, so konnten wir etwas mit unserer/meiner Geschichte prahlen und allerhand Fahrrad-Gadgets abgreifen, wie die Rimfire Fahrrad LEDs, ein Travel Pillow von Klymit, Kettenöl von Finish Line, etcetc. Viel wichtiger war, dass es abends Freibier an einigen Ständen gab. Die altbewährte Taktik war, umso mehr wir trinken, umso mehr sparen wir und holen somit praktisch wieder das Geld rein, das wir an der Slotmachine bzw. Pokertisch verloren hatten. Ich war schnell im Plus, Robert hatte hart zu kämpfen, aber auch er schaffte es. Glaubt er zumindest. Er kann sich nicht mehr genau erinnern, aber er ist fest davon überzeugt.
Frisch gestärkt also verließen wir Las Vegas und besuchten den Hoover Damm. Für die Leute, die ausgiebig GTA San Andreas gezockt haben: Macht eine California/Nevada Rundreise! Wir haben mit unseren Fahrrädern alle Level durchgespielt -> Los Santos=Los Angeles [Compton=Ganton, Venice Beach=Verona Beach, Hollywood=Vinewood], San Fierro=San Francisco [Chinatown, Grant Bridge, etc.], Las Venturas=Las Vegas [alle möglichen Casinos], Hoover Damm=Sherman Damm, Badlands=irgendwelche kleinen Dörfer in Northern California und so einen verwirrten alten Hippie wie „The Truth“ haben wir auch getroffen!
Next up war der Grand Canyon. Auch wenn tausende Touristen am Rand stehen, er ist unfassbar! Da kam ich wirklich ins Grübeln, ob das hier alles Sinn macht. Er ist soo riesig und ich bin so klein. Auf der Weltkarte ist er aber nur so klein. Und in unserem Sonnensystem ist die Erde nur so klein. Und in der Milchstraße ist unser Sonnensystem nur so klein. Und die Milchstraße ist nur eine von vielen Galaxien. Und Milch ist weiß. Ich bin auch weiß. Ich weiß. Verwirrtheit breitete sich in meinem Kopf aus, meine Mittelhirnhaube hob fast ab und ich war kurz davor in die Tiefe zu springen, aber dann dachte ich an meine Frau und meine Kinder und an meinen Wellensittich. Außerdem muss ich ja erst nochmal nach Hause fahren. Letztendlich vertagte ich die Aktion. Nächstes Mal vielleicht.
Wir begaben uns mit unseren edlen Rössern in Indianergebiet, genauergesagt ins Navajo-Reservat in Arizona. Wie ich es erwartet hatte, sind die wahren Amerikaner sehr nette Leute, so wurden wir gleich zwei mal in Folge eingeladen. Auch Diskussionen über diese zugezogenen Gentrifizierer blieben aus. Stattdessen spielte ich mit der kleinen Graytona Basketball auf dem idyllischsten Court aller Zeiten und für Robert ging ein Kindheitstraum in Erfüllung: Das Monument Valley, dass er seit frühsten Tagen als Poster an seiner Wand hängen hatte, jetzt war er da. Es sah genau so aus, wie man es aus sämtlichen Indianer-Filmen kennt und noch viel besser. Allerdings wissen sich die Pflanzen in dieser trockenen Landschaft gut zu wehren, fast jede hier besitzt unzählige Stacheln. So hatte ich 2 Platte gleichzeitig mit insgesamt 5 Löchern. Mittlerweile kein Problem mehr, wurden die Reifen geflickt und weiter ging die wilde Fahrt. Nach 40 Kilometern war dann plötzlich der Schalthebel im Eimer. Eine zweistündige Notoperation erbrachte keinen Erfolg, also mussten wir zur  nächsten großen Stadt namens Flagstaff Hitchhiken, was aber dank Sharon und George gut funktionierte. Dort konnten wir den Schalthebel finden und in Windeseile montieren und wurden von den Mitarbeitern der benachbarten Pizzicletta (=Pizza+Bicicleta) auf Pizza und Bier eingeladen, außerdem konnten wir bei ihnen übernachten. Über Prescott, wo wir nochmals zwei Tage bei Sharon und George übernachteten, fuhren wir nach Phoenix. Ganz ganz wichtig ist zu erwähnen, dass Robert, der beginnend in Vancouver, Canada weit über 4000km ohne Platten vorangekommen ist, am vorletzten Tag auch die Erfahrung machen durfte, wie es sich anfühlt, wenn die Luft den Reifen verlässt. Ich feierte ausgiebig, er konnte meine Freude nicht teilen. Dennoch fuhren wir erhobenen Hauptes nach Phoenix ein, dem Abschluss des Kapitels Robert & Dennis. Schlusssprint hieß hier nochmals 4 Tage um den Zapfhahn zirkulieren und als Highlight ein NBA (Preseason) Spiel der Phoenix Suns gegen die Dallas Mavericks mit dem legendären Dirk Nowitzki zu schauen. Dann ging es für Robert zurück in die Heimat. Am Ende hat man gemerkt, dass die Luft raus war, auf beiden Seiten. Man darf nicht vergessen, man ist 24 Stunden zusammen unterwegs und kriegt jede Macke, die wohl jeder Mensch hat, mit, was man anfangs problemlos wegsteckt oder sogar als lustig empfindet, nach fast 3 Monaten jedoch anstrengend wird. Ich denke, wir brauchen eine Beziehungspause. Dennoch hatten wir bis zum Ende unzählige großartige Momente und das sind die, die letztendlich auch in Erinnerung bleiben werden. Ich denke die Bilder können dies unterstreichen.
Im Alleingang fuhr ich die nächsten 200km nach Tucson, verdächtig Nahe an die Mexikanischen Grenze. Teilweise war ich etwas verwirrt, da ich meinen Gedanken Ausdruck verlieh, obwohl ja gar niemand da war, der dem Gehör hätte schenken können. Ich muss mich erstmal wieder umgewöhnen. Wo könnte man das am besten machen? Sicherlich nicht in New York. New York? Auch wenn, ich jetzt richtig Bock habe Gas zu geben und mal wieder voran zu kommen, nachdem der letzte Monat viel ZickZack und gezwungene Schländerei aufgrund Roberts und auch meines Abflugtermins beinhaltete, muss ich erstmal nach New York. Klingt erneut nach einer Frechheit, ist es auch. Aber, If I can make it there, I’ll make it anywhere. Muss da noch was erledigen. Where Brooklyn at?!
San Francisco
Los Angeles
Las Vegas
Grand Canyon
Monument Valley
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