BLOG EINTRAG - #43 PERU

Die Grenze von Ecuador nach Peru galt vor einigen Jahren noch als unsicher und gefährlich, aber anscheinend hatte jemand in letzter Zeit mal aufgeräumt. Modern, sauber und nichts los. Die Grenzbeamten von Ecuador und Peru saßen im selben Gebäude am selben Schreibtisch, Aus- und Einstempeln in einem Zug. Ich weiß nicht, ob das weltweit einmalig ist, aber zumindest äußerst rar. Eine Frau vom Tourismus-Verband Perus erzählte mir, dass es nicht möglich sei nach Lima zu fahren. Aufgrund der verheerenden Regenfälle sei die Straße unpassierbar, aber es gäbe kostenlose Flüge der Peruanischen Luftwaffe, jedoch könnte es mit dem Fahrrad Probleme geben.

Ich fuhr an den sehr schönen Stränden im Norden Perus entlang, jeden Tag schien die Sonne, scheinbar waren die Regenfälle gerade vorbei. Der Schlamm auf der Straße und das Militär, das Hilfslieferungen brachte, gab jedoch einen kleinen Eindruck was hier noch vor wenigen Tagen losgewesen sein muss.

Problemlos fuhr ich bis nach Piura, der vielleicht hässlichsten Stadt der Welt und begab mich mittags direkt zum Militäreingang des Flughafens. Von hier aus gab es die kostenlosen Flüge nach Lima. Etwa 100 – 150 Leute waren dort, ich hätte ein deutlich größeres Chaos erwartet. Ich fragte einen Soldat, ob das mit dem Fahrrad klar geht und er sagte, ja klar. Also ließ ich meinen Namen auf die Liste setzen und schon 1 ½ Stunden später wurde ich aufgerufen, gleich bin ich in LIMA!!!

Ich trat vor, ein Soldat schaute mich an, sah das Fahrrad, schüttelte den Kopf und sagte, nein geht nicht. Ich erzählte ihm, dass ich nicht schwimmen kann und es deshalb keinen anderen Weg nach Lima gibt, doch er blieb hartnäckig. Erstmal etwas Unüberlegtes sagen und dann auf der Meinung beharren. Dummerweise war er wohl der Chef. Also versuchte ich mit sämtlichen anderen Soldaten zu reden, um irgendwie nach Lima zu kommen, schließlich ist es keine Zauberei ein Fahrrad in ein Flugzeug zu stopfen.

Letztendlich half mir ein Local und fuhr mit mir zum Market, der genauso dreckig wie der Rest der Stadt war, wir besorgten etwas Pappe und Klebeband, fuhren zum Flughafen zurück und verpackten das Rad. Mittlerweile war es schon dunkel und wie ich jeglichen Soldaten erzählt hatte, war das Paket genauso groß wie das Fahrrad ohne Verpackung, aber dafür deutlich unhandlicher, dennoch waren sie jetzt zufrieden, da es nun kein Fahrrad mehr war, sondern ein Paket. Dummerweise wurde mein Name ja schon mittags vorgelesen, d.h. ich stand auf keiner Liste mehr.

Bei meinen Erklärungsversuchen stoß ich auf 100% Ignoranz. Das war wohl der Gringo-Bonus, denn sogar Leute, die einen Hund in einer Pappkiste transportieren wollten, wurden nach Diskussion durchgelassen, nachdem mir in meiner Diskussion um das Fahrrad noch erklärt wurde, dass es sich hier um humanitäre Flüge handelt.

Der nächste Flieger war voll, doch es gab noch einen allerletzten. Nun sollten sich alle in eine Reihe stellen, die auf keiner Liste stehen und noch mitwollen, Frauen und Kinder zuerst. Ich sah meine Chancen also schwinden, doch tatsächlich gab es mehr Plätze als Menschen, sie mussten mich also mitnehmen. Noch einmal sah ich den Widerwillen des Chefs in seinen Augen, aber es gab keine Ausreden mehr und nach einer guten Stunde Flug war ich in Lima. Damit waren 1000km übersprungen, also ca. 2 Wochen, die landschaftlich wahrscheinlich eher wenig hergegeben hätten und vor denen es mich gegraust hatte. Damit hatte mir eine Katastrophe, die riesigen Schaden angerichtet und einige Menschenleben gekostet hatte, zu großem Glück verholfen. Durchaus merkwürdig.

Nach einem Wochenende Party im modernen Lima, hatte ich mir eine leichte Erkältung eingefangen, zum ersten Mal während der Reise, die sich sogar in eine Nebenhöhlenentzündung verwandelte. Keine Zeit für Ausreden, es ging weiter und mitten durch die Wüste. Für diese 400km war es echt schön, mit dem Strand von Paracas und dem damit endgültigen Abschied des Pazifiks, der Oase Huacachina, den merkwürdigen Linien von Nazca und den dazugehörigen Zeichnungen. Auch das Schlafen mitten in der Wüste ohne Zelt war ein magischer Moment und die Wärme ein purer Genuss, denn ich wusste, was als nächstes auf der Liste stand: Die Anden. Mal wieder, doch dieses Mal höher und kälter als zuvor.

Mittlerweile weiß ich, was Höhenmeter bedeuten und wollte auf keinen Fall von 600 auf 4200 an einem Stück hochstrampeln. Ich mach das hier zum Spaß, bitte nicht vergessen. Die Frau der Busgesellschaft verweigerte mir die Busfahrt, wegen des Fahrrads … was haben die Peruaner gegen Fahrräder? Eigentlich nichts, es war nur zweimal in Folge Pech. Also fuhr ich zum Fuße des Bergs, hing mich an einen langsamen Truck und ließ mich hochziehen. Er hielt an und sagte, ich soll die Sachen aufladen, ist entspannter.

5 Stunden quälte sich der Truck den Berg hoch und ich quälte mich mit. Die Nebenhöhlenentzündung, die ich in der Hitze der Wüste ganz gut im Griff hatte, verursachte nun aufgrund der Kälte in Kombination mit dem niedrigeren Luftdruck unvorstellbare Kopfschmerzen und ich überlegte mir, was ich mache, wenn ich ohnmächtig werde. Wahrscheinlich nichts. Irgendwie überstand ich den Ride, ich ließ mich oben rauswerfen und es ging etwas bergab. Am nächsten Tag erneut auf über 4000m und erneut grausame Kopfschmerzen, dazu eine Nacht in einem Dorf bei 5 Grad im Abstellraum, viel zu kalt! Am darauffolgenden Tag packte ich noch eine Lebensmittelvergiftung oben drauf, die in miesem Fieber endete. Knockout.

An dieser Stelle eine gern gestellte Frage (vorallem von besorgten Müttern): „Und was machste, wenn de ma krank wirst?“ Antwort: „Abwarten und weiter machen sobald es wieder geht.“ Ich schmiss die Fuffis durch die Farmacia und schrie „Bo Bo“ und nach zwei Tagen ging es weiter.

Die Luft auf + - 4000m war verdammt dünn und man musste stets rhythmisch atmen, teilweise auch geschickt hyperventilieren, um die Lunge mit ausreichend Sauerstoff zu versorgen. Bei jedem Anstieg von mehr als 150m, suchte ich mir eine steile Stelle und wartete auf große Trucks, um einmal schnell zu beschleunigen und mich hinten an den Truck zu hängen. Selbst wenn ich eine Stunde warten musste, lohnte es sich, da die Anstiege oftmals mehr als 1000m waren. Das Maximum waren 39km, die ich mich ohne Pause den Berg hochziehen ließ. Damit hatte ich zumindest fahrtechnisch eine ganz entspannte Zeit, da ich weder bergauf, noch bergab viel machen musste.

Mit frischen Beinen gelangte ich nach Abancay zu Octavio. Als der einstmals von einer Familie hörte, die kein Haus zum Wohnen hatte, machte er sein Zimmer frei, ließ die Familie einziehen und baute sich kurzerhand ein Baumhaus, mitten in der Stadt. Seitdem wohnt er dort und begrüßt Reisende aus aller Welt über Couchsurfing und Warmshowers. Er verriet mir ein paar Tricks über Machu Picchu und ich setzte mir die Mission Zero in den Kopf, also für 0 Soles dort hin zu gelangen.

Der „normale Weg“ ist wohl mit dem Bus von Cusco nach Ollantaytambo zu fahren; dort den vielleicht teuersten Zug der Welt nach Aguas Calientes, dem Dorf bei Machu Picchu zu nehmen, der mindestens 70U$ für die einfache Strecke von 45km kostet; in einem überteuerten Hotel zu schlafen; weil man ein faules Schwein ist, den Bus für 12U$ hoch zum Eingangstor zu nehmen; den Eintritt von aktuell ca. 35€ zu zahlen; sich vielleicht noch einen Tourguide zu nehmen; weil man ein noch fauleres Schwein ist, den Bus für 12U$ auch wieder nach unten zu nehmen; nochmals im Hotel zu schlafen; mit dem Abzocke-Zug wieder nach Ollantaytambo zu fahren und wieder mit dem Bus zurück nach Cusco. Mit dem Überteuertem Essen in Aguas Calientes ist man mal locker bei 300€ dabei. Wenn man’s hat, ist das natürlich egal, aber dennoch bleibt man ein faules Schwein, wenn man den Bus zum Eingangstor nimmt. No Hatin‘ an dieser Stelle. Nur Fakten.

Der normale Weg ist also relativ teuer, aber vorallem auch relativ unspektakulär und irgendwie will doch jeder sein individuelles Machu Picchu Erlebniss haben. Ich hatte also den perfekten Plan ausgearbeitet und er scheiterte relativ fatal. Erst kaufte ich Essen für zwei Tage ein, um nicht im Überteuerten Aguas Calientes speisen zu müssen. Dann begab ich mich zum letzten Dorf an den Schienen, zu dem noch eine Straße führt, Piscacucho. Von dort kann man 32km an den Schienen entlang laufen bis zum Machu Picchu Dorf. Es gibt zwar Verboten-Schilder, mehr aber auch nicht. Dummerweise war es schon 21 Uhr und ich fand keinen Ort mehr, um mein Fahrrad und Gepäck loszuwerden.

Also fuhr ich am nächsten Morgen zurück nach Ollantaytambo, fand ein Hostel für Fahrrad und Gepäck und nahm einen Bus, der 160km ganz außen rum fährt und auf der anderen Seite von Machu Picchu, bei Hidroelektrika endet. Damit waren die ersten 10 Euro weg. Von dort aus 10km idyllischer Fußmarsch nach Aguas Calientes. Theoretisch könnte man das sogar per Fahrrad erreichen und nachdem ich die Anfahrt und Wanderung gesehen habe muss ich sagen, es muss ein wahrer Alptraum sein, denn dann ist man mit seinem schweren Touringbike in Aguas Calientes … und muss auch wieder raus. Ich hatte über diese Option nachgedacht und war heilfroh, dass ich sie nicht gewählt hatte.

Aguas Calientes und Machu Picchu ist durch einen Fluss getrennt, über den eine Brücke führt. Der Plan war es, sich nachts über diese Brücke zu schleichen, in der Hoffnung, dass die Seguridad schläft. Also schlief ich ein paar Stunden wie ein Obdachloser auf einer Parkbank und machte mich um 2.30Uhr nachts auf den Weg. Dummerweise schlief die Seguridad nicht und fragte mich, was ich hier mache. „Äääähhh, Camping, donde?“ Da drüben, aha, also ging ich wieder zurück und zurück auf meine Parkbank.

Also doch ein normales Ticket am nächsten Morgen, wobei ich mit meinem abgelaufenen, aber leicht modifizierten Studentenausweiß noch den ermäßigten Preis erhielt. Die nächsten 22€ weg. Da ich mir den Titel des faulen Schweins auf keinen Fall anhängen lassen wollte, lief ich den Berg hoch. Ich hatte einige Schweißtropfen entwickelt. Als Alleinreisender nimmt man sich natürlich keinen Tourguide, man hört kostenlos bei größeren Gruppen zu.

Machu Picchu, das ist schon der Kracher, was für eine Aussicht. Wie kann man so abgelegen auf diesen Hügel eine Siedlung bauen? Morgens bis mittags war ein ziemlicher Trubel an Touristen, aber da viele ihren Tourguides hinterherliefen und zeitlich wohl etwas gebunden oder auch einfach nur müde waren, war vorallem der Nachmittag, als das Wetter sogar noch etwas besser wurde, sehr sehr entspannt und es machte richtig Spaß, einfach nur dazusitzen und die Aussicht zu genießen, während die Alpakas den Rasen mähten, wobei ich ihnen später auch noch etwas unter die Arme griff. Außerdem schaffte ich eine Weltsensation: Ich war der erste Besucher, der bei seinem Selfie KEIN falsches Grinsen aufsetzte, sondern ein echtes. Jetzt mal im Ernst, soviele falsche Grinsen an einem Ort gibt es wohl sonst nirgendwo anders auf dieser Welt. Machst du Picture … Machu Picchu.

Und da ich in so vielen Foren laß, wie sich Leute über die vielen Touris beschweren, muss ich wohl auch einen Kommentar dazu ablassen: Egal ob Pauschaltouri oder Möchtegern-Indiana-Jones, letztendlich ist man wohl doch auch ein Teil der Masse und trägt dazu bei, dass dort so viele Touris sind, egal ob man will oder nicht. Für Einsamkeit hätte man wohl 40 Jahre früher kommen müssen. Dennoch sollte man sich glücklich schätzen, dass man sich Machu Picchu auch als armer Reisender oder Backpacker aktuell noch leisten kann,  denn meine Prognose lautet, dass sich dort in einigen Jahren nur noch der Millionärsclub treffen wird.

However, lief ich den Berg wieder runter und machte mich auf den Weg sechs Stunden an den Gleisen entlang zu laufen. Gleich am Anfang traf ich ein paar Backpackers aus Lima, die 4km bis zu einem Wasserkraftwerk laufen wollten, um dort den Local Train zu nehmen, der aber für mich als Ausländer verboten war. Die Jungs und Mädels waren jedoch motiviert mich in den Local Train zu schmuggeln und einer gab mir die peruanische ID seinen Vaters Eduardo. Ich zog meine Kapuze über, es war sehr unauffällig, vorallem weil ich 1 ½ Köpfe größer als alle anderen im überfüllten Zug war. Diese Überfüllung veranlasste den Schaffner jedoch, mir nicht ins Gesicht zu gucken, sondern nur meine ID zu nehmen und schnell das Ticket auszustellen. Umgerechnet zahlte ich 2,86€, was etwa 1/25 des Preises vom Ripoff-Train ist und schon war ich zurück in Ollantaytambo bei meinem Fahrrad. Die Mission Zero war gescheitert, 35€ für Machu Picchu mit allem drum und dran ist dennoch ziemlich gut.

Damit war Peru für mich mental abgeschlossen. Noch einmal ging es bergauf, um das Altiplano zu erreichen, eine Hochebene auf ca. 3600 – 4000m. In „Hochebene“ versteckt sich offensichtlich „eben“, d.h. es gab zwar nicht mehr so schöne Panoramas, dafür ließ es sich jetzt sehr entspannt fahren. Es ging am sagenumwobenen Titicacasee entlang, der garnicht mehr so mystisch ist, wenn man weiß, wie verdammt kalt es dort oben ist, und praktisch im See, passierte ich die Grenze zu Bolivien.

Nach über 22 Monaten on the road und über 37.000km im Tretlager, habe ich solangsam ein Ziel vor Augen: Gelnhausen-Haitz aka. The Place To Be. Wenn der ein oder andere mal anfangen könnte etwas Konfetti zu stanzen, würde ich mich freuen. Ende Juli will ich zurück sein. Stay fresh and stay tuned. Bis dann. 

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